«Gemeinsame Werte statt repräsentative Objekte»

Claudia Suter, Leiterin Entwicklung und Bau, zu hoher Baukultur und warum sie für Terresta wichtig ist.

Bauten
| 19.06.26
Claudia Suter uncropped

Wo bist du zum ersten Mal mit Baukultur in Berührung gekommen?

Das war sicher zuerst indirekt durch meine Wahrnehmung: Wo fühle ich mich wohl, wo weniger? Zum ersten Mal bewusst mit Baukultur auseinandergesetzt habe ich mich während meiner Matura-Arbeit, einem Fotoprojekt zum Bahnhof Luzern. Der wurde damals neu eröffnet, 20 Jahre nach einem verheerenden Brand.

Was verstehst du heute unter hoher Baukultur?

Für mich geht es beim Thema Baukultur neben dem historischen Kontext auch um die Identität des Gebauten: Dass wir Orte schaffen, an denen sich die Menschen wohl fühlen. Zum Beispiel gemeinschaftsfördernde und qualitätsvolle Aussenräume für alle Quartierbewohner:innen, so wie bei unserem Neubau an der Zypressenstrasse. Das braucht eine langfristige, generationsübergreifende Sicht.

Das sind eher subjektive Kriterien. Aber ganz konkret: Woran erkenne ich eine hohe Baukultur, wenn ich durch die Stadt spaziere?

Am deutlichsten wohl am Bezug zum menschlichen Massstab. Dass also an die Bedürfnisse der Menschen gedacht wurde und man sich wie von selbst zurechtfindet. Etwa anhand von klar lesbaren Übergängen von öffentlichen zu privaten Bereichen oder Fassaden, die variantenreich und sorgfältig gestaltet sind. Genau darum bevorzugen viele Menschen die Altstädte. 

«Zäune einreissen, Aussenräume öffnen für alle, über die eigene Parzelle hinausdenken.»

Claudia Suter, Leiterin Entwicklung & Bau

Wieso ist das wichtig für Terresta? 

Baukultur ist einerseits im Stiftungszweck der SKKG verankert, andererseits in unserer Vision «Faire Mieten und Kultur für alle: Zusammenleben neu denken». Als Teil einer gemeinnützigen Stiftung wollen wir einen Mehrwert schaffen fürs Gemeinwohl, also für die Bewohner:innen der Quartiere und für unsere Mieter:innen. Zum Beispiel Zäune einreissen, Aussenräume öffnen für alle, über die eigene Parzelle hinausdenken und neue Aufenthaltsorte schaffen.

Wieso haben wir den «Kodex hohe Baukultur» unterzeichnet?

Dadurch können wir zeigen, dass uns eine hohe Baukultur wichtig ist, und dass wir uns zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Raum, Ressourcen und Beziehungen bekennen. Der Kodex beinhaltet acht Qualitätskriterien, die uns in unseren Bauprojekten helfen – etwa bei der Auswahl unserer Planungs-Teams. Er wird von der Stiftung Baukultur Schweiz herausgegeben, die uns auch ein Netzwerk zum Austausch über baukulturelle Themen bietet.

Malerei

In aufwändiger Handarbeit werden alte Malereien freigelegt und restauriert. Dazu ist spezielles Know-how nötig, das baukulturell wertvoll ist und heute immer seltener wird.

Fenster

Das Davos Qualitätssystem für Baukultur schlägt acht Kriterien vor, die gemeinsam zu einer hohen Qualität der gebauten Umwelt beitragen und aus der Erklärung von Davos abgeleitet wurden. Die acht Kriterien bilden den gemeinsamen Orientierungsrahmen für den Dialog über hohe Baukultur in der Schweiz:

1. Gouvernanz
2. Funktionalität
3. Umwelt
4. Wirtschaft
5. Vielfalt
6. Kontext
7. Genius Loci
8. Schönheit

Hohe Baukultur bietet somit einen holistischen Ansatz, in dem soziale, kulturelle und emotionale ebenso wie technische, ökologische und wirtschaftliche Aspekte gleichwertig berücksichtigt werden. Sie berücksichtigt damit Perspektiven aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Kultur gleichermassen.

Wie sorgen wir für hohe Baukultur bei unseren Projekten und Liegenschaften?

Wir führen bei allen Projekten Auswahlverfahren wie Architekturwettbewerbe durch. Das fördert eine hohe Baukultur und gewährleistet, dass wir die besten Ideen, Innovationen und Lösungen finden für unsere Bauprojekte. Diese beurteilen wir anhand der acht Qualitätskriterien und evaluieren, ob und warum sie diesen Kriterien genügen. Da stehen wir aber noch am Anfang, denn es braucht Zeit, bis sich die Projekte entwickeln. Wir sind sehr gespannt, was wir dabei herausfinden.

Welches sind für dich gute Beispiele für hohe Baukultur in unserem Portfolio?

Viele unserer Liegenschaften sind denkmalgeschützte und damit historisch wertvolle Gebäude, vom mittelalterlichen Bauernhaus an der Hohlandstrasse bis zum ehemalige Sulzer-Hochhaus. Daneben haben wir Zeitzeugen aus den 50er- und 60er-Jahre, etwa die Siedlung Burgstrasse in Winterthur. Sie ist sehr sorgfältig in die Landschaft gesetzt und wird aktuell im bewohnten Zustand saniert, mit viel Respekt vor dem Bestand.

Terresta ist Teil einer Kulturstiftung - welches sind für dich die Schnittmengen zwischen Baukultur im engeren Sinne und Kultur im weiteren Sinne?

Die gemeinsame Vision von SKKG und Terresta ist eine grosse Schnittmenge. Zudem haben wir verschiedene «Kunst-und-Bau»-Projekte zusammen umgesetzt, mit Künstler:innen und Fachleuten aus beiden Bereichen. Es gibt auch Architekt:innen mit einem künstlerischen Autorenansatz, doch ich sehe heute einen Shift weg von der Einzelhaltung hin zur Vernetzung und zum kollaborativen Arbeiten in Planungsteams. Bei der jüngeren Generation stehen die Ökologie und die soziale Verantwortung im Vordergrund: Es geht heute mehr um gemeinsame Werte statt repräsentative Objekte, was natürlich sehr viel mit Kultur zu tun hat.

  • Fotografie

    Micha Steinmann/TBS
    Goran Potkonjak

  • Text

    Ariel Leuenberger