Ein Haus im Haus für die Bibliothek
Die Quartierbibliothek Oberwinterthur zieht im nächsten Sommer an die Hohlandstrasse. Im historisch bedeutsamen Gebäude laufen die Bauarbeiten derzeit auf Hochtouren.

Zimmermann, Sanitärinstallateur, Elektriker, Dachdecker: Auf der Baustelle an der Hohlandstrasse herrscht derzeit Hochbetrieb. «Wir befinden uns gerade im Übergang vom Roh- zum Innenausbau», sagt David Rutz, Leiter Bau bei Terresta. Trotzdem gibt es bereits viel zu sehen: Wer durchs Scheunentor tritt, richtet den Blick sofort nach oben zum imposanten Dachstuhl – neben grob zugehauenen, von jahrhundertelanger Nutzung gezeichneten Holzbalken ist dort auch präzise zugeschnittenes, frisches Holz zu sehen. Das spannende Nebeneinander von alter Konstruktion und neu hinzugefügten Elementen macht die künftige Nutzung der Scheune überhaupt erst möglich: Dort wo einst Heu gelagert wurde, stehen ab nächstem Sommer Bücher, Zeitschriften, Gesellschaftsspiele, Tische und bequeme Sessel für die Besucher:innen der Quartierbibliothek bereit.

«Die Nutzung passt bestens in die Scheune und macht ihre historische Struktur weiterhin erlebbar»
David Rutz, Leiter Bau
Win-Win-Lösung
«Wir freuen uns auf die neuen Räume, die eine Vielzahl an Nutzungsmöglichkeiten bieten werden», sagt Franziska Baetcke, Leiterin der Winterthurer Bibliotheken. Eröffnet wird die Bibliothek in der historischen Scheune im Juli 2027. Realität geworden ist das Projekt nur dank dem gemeinnützigen Charakter der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) sowie der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der Stadt Winterthur: 2022 stimmte das Parlament dem Projekt zu und bewilligte das Geld für die Ausstattung sowie den Mietervertrag. Im Gegenzug realisiert Terresta den Umbau zur Bibliothek. Das gemeinschaftliche Projekt ist ein Glücksfall: «Die Nutzung passt bestens in die Scheune und macht ihre historische Struktur weiterhin erlebbar», sagt David Rutz. Auch Franziska Baetcke sieht im neuen Standort eine Win-Win-Lösung: «Endlich erhalten wir genügend Fläche an zentraler Lage und das erst noch in einem bauhistorisch spannenden Gebäude.»

«Für uns war sofort klar, dass es hier eine spezielle Lösung braucht»
Christian Brunner, Architekt


Im Dachstock werden alte und neue Konstruktion vereint. Die alten Balken sind gut erkennbar an der dunklen Farbe.
Selbsttragende Holzkonstruktion
Das Vielzweckbauernhaus, wie dieser Gebäudetyp im Baufachjargon genannt wird, umfasst zwei Gebäudeteile: Die Scheune mit Tenn, Stall, Heuboden und dazugehörigen Wohnkammern sowie das angebaute Wohnhaus mit drei Geschossen. Die Geschichte des Ensembles reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Während der Wohnbereich im 19. Jahrhundert umgebaut und erweitert wurde, blieb die Scheune bis heute ursprünglich erhalten. Ihr Glanzpunkt ist das nach drei Seiten geneigte Dach mit seiner komplexen Stützstruktur – in der Fachsprache Vollwalmdach genannt – und in dieser Form weit herum eine Rarität. Die historische Konstruktion hat auch die Architekten vom Büro BM+OBV aus Zürich begeistert, das den Umbau realisiert. «Für uns war sofort klar, dass es hier eine spezielle Lösung braucht, damit die Struktur sichtbar bleiben kann», sagt Architekt Christian Brunner.
Eine grosse Herausforderung, denn die Bibliothek sollte nicht nur genügend Platz erhalten, sondern auch hindernisfrei mit einem Lift und Rampen im Innern erschlossen werden. Das Architektenteam entwickelte deshalb zusammen mit dem Holzbauingenieur das Konzept eines Hauses im Haus: Die baulich ertüchtigten Wände und das Dach der Scheune bilden die äussere, wetterfeste und gedämmte Hülle. Darin steht eine filigrane, selbsttragenden Holzkonstruktion mit vier über einen Lift erschlossenen, versetzt zueinander angeordneten Ebenen, die an Terrassen erinnern. «Dadurch entstehen interessante Sichtbezüge», sagt Christian Brunner. Die seitlich und gegen oben offene Konstruktion aus hellem Holz zirkelt geschickt an den alten Holzbalken sowie -stützten vorbei und lässt diese sichtbar.

Das Haus im Haus nimmt Form an. Hier werden die neuen Ebenen eingezogen, auf denen sich dereinst die Bibliotheksbesucher:innen bewegen werden.
Sanierung als Knacknuss
Im Erdgeschoss und auf den neuen Plattformen stehen insgesamt rund 450 Quadratmeter nutzbare Fläche zur Verfügung, gleichzeitig steift der Einbau die Scheune statisch aus. Die Regale der Bibliothek sind fix in die Holzkonstruktion integriert und dienen teilweise zugleich als Geländer. Die Sanierung der Scheune war für alle Beteiligten eine Knacknuss. «Einerseits stand der Bau ohne Fundamente direkt auf dem Erdboden und andererseits war ein Teil der Holzbauteile nicht mehr tragfähig», sagt David Rutz. Meter für Meter musste deshalb die alte Konstruktion mit einem Fundament ergänzt sowie schadhafte Holzteile ausgetauscht werden. Ausserdem wurde bei Grabungen ein Stück Mauer freigelegt, das einst zum Fundament eines römischen Kastells gehörte. Im sogenannten «Römerzimmer» neben dem Eingangsbereich wird durch Weglassen des neuen Bodens der archäologische Untergrund sicht- und erlebbar. Die Besucher:innen der Bibliothek erhalten so Einblick in die Baugeschichte von Oberwinterthur bis zurück ins 3. Jahrhundert.
Enge Zusammenarbeit aller Beteiligten
Nicht nur in der Bibliothek laufen die Arbeiten derzeit auf Hochtouren, sondern auch im angebauten Wohngebäude. Eine Vierzimmer- und drei Studiowohnungen bieten dort künftig, analog zur Scheune, ebenfalls viel Originalteile, kombiniert mit zeitgemässem Wohnkomfort. Dazu gehören etwa aufgefrischte Täfer, mit einer Isolierverglasung ertüchtigte originale Fenster sowie neue Bäder und Küchen. Aufgrund seiner Komplexität und der historisch wertvollen Bausubstanz erforderte das Projekt eine besonders enge Zusammenarbeit von Bauherrschaft, Architektenteam und städtischer Denkmalpflege: In zahlreichen Gesprächen und Begehungen vor Ort musste gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. «Auch wenn es viel Arbeit war, gefällt das Resultat schon jetzt im Rohbau», so David Rutz.
Text
Reto Westermann
Fotografie
Goran Potkonjak, Ariel Leuenberger